Deutscher Gewerkschaftsbund

06.09.2012
Auswirkungen der Krisenpolitik

„Wir brauchen einen sozialen Aufstand“

Eine Uhr, in der die Kernarbeitszeit von 9 bis 19 Uhr rot markiert ist.

DGB/Schilk(BestSabel)

SchülerInnen fallen vor Hunger in Ohnmacht. Patienten müssen ihr Verbandsmaterial selbst kaufen, bevor sie ins Krankenhaus gehen. Eltern geben ihre Kinder in SOS-Kinderdörfern ab, weil sie nicht wissen, wie sie sie ernähren sollen. Solche Zustände waren vor ein paar Jahren in Griechenland noch undenkbar. Inzwischen sind sie bittere Realität. „Die Krise bei uns ist Anlass, auf breiter Front Löhne zu drücken und Arbeitnehmerrechte zu beschneiden“, sagt Alkistis Tsoulakou, Betriebsratsvorsitzende von Siemens-Nokia Hellas. „In allen Branchen werden Tarifverträge gekündigt. Es hat Lohnkürzungen um bis zu 40 Prozent gegeben. Die Arbeitgeber setzen darauf, dass die Kollegen aus Angst vor Arbeitslosigkeit alles unterschreiben. Auch der Achtstundentag hat keine Gültigkeit mehr.“ Begründet werden die Kürzungen mit den zu hohen Löhnen in Griechenland. Dabei liegt das Lohnniveau bei 67 Prozent des EU-Durchschnitts. Und während in der Eurozone durchschnittlich 41 Stunden in der Woche gearbeitet werden, sind es in Griechenland 44 Stunden.

Doch bei einer Arbeitslosenquote von 27 Prozent sind viele froh, überhaupt noch Arbeit zu haben. Zumal im Zuge der Kürzungspolitik das Arbeitslosengeld auf 350 Euro gesenkt wurde. Es wird für maximal ein Jahr ausgezahlt. Folge dieser Politik ist ein dramatischer Einbruch des Lebensstandards. „Aus der ökonomischen Krise ist eine soziale und mittlerweile sogar eine humanitäre Krise geworden“, sagt Tsoulakou. Und tatsächlich: Während europaweit Milliarden von Euro in spekulierenden Banken versenkt werden, erlebt Griechenland die größte Hungerkatastrophe seit Ende des Krieges. Der Konsum ist um 40 Prozent zurückgegangen. Die Suizidrate stieg im Jahr 2010 um 25 und in der ersten Jahreshälfte 2011 sogar um 40 Prozent. Die Obdachlosenquote war noch nie so hoch wie im Moment.

Gleichzeitig findet ein dramatischer Raubbau an den Lebensentwürfen, Träumen und Wünschen der jungen Generation statt. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 56 Prozent ist mehr als jeder zweite Jugendliche unter 29 Jahren arbeitslos. Tsoulakou: „Das sind gut ausgebildete, qualifizierte junge Menschen, die niemand beschäftigen will. Sie sind ohne Perspektiven. Viele von ihnen, versuchen der Situation zu entkommen und gehen ins Ausland.“

Neben Lohndumping und Arbeitslosigkeit sind es aber vor allem die massiven Einschnitte im Bildungsbereich, die die Perspektivlosigkeit der jungen Generation zementieren. „Während die Ausgaben für Militär bei immerhin fünf Prozent des Staatshaushaltes liegen, werden für Bildung nur noch 0,2 Prozent aufgewendet“, sagt Agiro Baduva. Die 24-jährige Lehrerin kommt von der Insel Kreta und berichtet davon, dass die Lehrergehälter um 50 Prozent gekürzt wurden. Vor der Krise hatten LehrerInnen unbefristete Verträge. Jetzt werden sie zum Ferienbeginn arbeitslos und bekommen 350 Euro Arbeitslosengeld. Ihre Weiterbeschäftigung nach den Ferien ist nicht sicher. Dazu fehlt es in den Schulen an allem. „Die größte Schulbuchdruckerei Griechenlands ist geschlossen worden. Im letzten Schuljahr kamen die Schulbücher kurz vor Weihnachten. In diesem Jahr rechnen wir damit, dass sie überhaupt nicht kommen“, sagt Baduva. Mehr als 2000 Schulen sind geschlossen oder zusammengelegt worden. Dadurch verlängern sich die Schulwege. Vor allem die SchülerInnen auf dem Land sind oft bis zu zwei Stunden unterwegs. Schulbusse gibt es nicht mehr. Die Folge: Wer die öffentlichen Verkehrsmittel nicht bezahlen kann, bleibt zu Hause und geht gar nicht mehr zur Schule.

Baduva und Tsoulakou sind sich einig, dass dieser Kürzungskurs gestoppt werden muss. Baduva: „So kann es nicht weitergehen. Ein Europa der Märkte treibt die Bevölkerungen in die soziale Katastrophe. Wir brauchen ein Europa von unten, ein Europa der Arbeiter und Studenten, ein Europa der sozialen Gerechtigkeit. Und wir brauchen einen sozialen Aufstand.“

Erschienen in: einblick 15/2012 vom 10.9.2012
Online seit: 7.9.2012


Nach oben
close