Deutscher Gewerkschaftsbund

10.05.2012

Gesellschaft im Umbruch: Transformation wohin? Kapitalismus 4.0

Eine Uhr, in der die Kernarbeitszeit von 9 bis 19 Uhr rot markiert ist.

DGB/Schilk(BestSabel)

Ein neues politisches Programm macht seit einiger Zeit die Runde: die „große Transformation“. Gezeugt von vielen wurde es 2011 vom „Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen“ zur Welt gebracht. Gefordert wird ein neuer Gesellschaftsvertrag, um angesichts der ökologischen Bedrohungen einen nachhaltigen Wandel einzuleiten. Das Expertengremium macht deutlich: Weder in sozialer, noch in ökologischer oder ökonomischer Hinsicht ist eine lebenswerte Zukunft durch das zu erreichen, was wir in den letzten Jahren als „Reformen“ erlebt haben. Es braucht dringend eine Gesamtstrategie. Sie wird nur dann erfolgreich sein, wenn es gelingt, eine grundlegende Transformation des die Welt beherrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftsystems zu erreichen, das sich immer noch am besten mit dem Begriff Kapitalismus erfassen lässt. Es geht um die Indienstnahme und Zivilisierung dieser höchst dynamischen Struktur.

Kann solch ein Vorhaben überhaupt Erfolg haben? Lassen sich die „Monster auf den Finanzmärk­ten“, wie sie sogar ein deutscher Bundespräsident nannte, in nützliche Haustiere verwandeln? Geht nicht Kapitalismus immer mit zunehmender sozialer Ungleichheit und der hemmungslosen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen einher? Bildet nicht die Legitimation der Gier geradezu seine Kernstruktur? Ob seine Zähmung gelingen kann, scheint gerade heute völlig offen zu sein. Skepsis ist berechtigt. Klar ist aber auch: Der Kapitalismus hat sich in seiner Geschichte nie völlig autonom entwickelt. Die Ausdehnung der Marktbeziehungen und die Verkehrung aller Dinge und Möglichkeiten in Waren stoßen auf den „Selbstschutz der Gesellschaft“ (Karl Polanyi). Die Menschen wehren sich gegen die Reduzierung ihres Selbst auf die beliebig handelbare Ware Arbeitskraft. Immer wieder wird die moralische Ökonomie der menschlichen Beziehungen und Gemeinschaftsformen gegen die „Teufelsmühlen“ des Kapitalprinzips in Anschlag gebracht. Das Bild eines festgefügten Systems trifft nicht zu; beim näheren Hinsehen werden Änderungspotenziale deutlich. So waren und sind das Ausmaß der Marktfreiheit und der Geltung von Wettbewerb, die Rolle des Staates, der Einfluss sozialpolitischer Gestaltung, das Maß an sozialer Ungleichheit und vor allem die reale Geltung von Demokratie und Menschenrechten höchst unterschiedlich in den Ländern der Welt verteilt. Das geht so weit, dass ein Land wie Schweden aus Sicht der USA als sozialistisch eingeordnet werden kann.

Dem katholischen Sozialethiker Friedhelm Hengsbach ist zuzustimmen: „Für mich ist der Kapitaelismus ein ambivalentes gesellschaftliches Konstrukt. Als ökonomisches Funktionsgerüst – bestehend aus einem funktionsfähigen marktwirtschaftlichen Wettbewerb, einer elastischen Geldversorgung, einer kapitalintensiven Technik aus vorgeleisteter Arbeit und vorwiegend privatautonom organisierten Unternehmen – erzeugt er eine konstruktive Dynamik mit außerordentlicher Produktivität und unermesslichem Wohlstand.“ Worum es mit der großen Transformation gehen muss, ist mithin die Schaffung eines Kapitalismus 4.0, der den Neoliberalismus (als dritte Stufe des Kapitalismus nach seiner liberalen und sozialstaatlichen Phase) ablöst. Der Neoliberalismus ist vor allem eine Rechtfertigungsideologie der Finanzmärkte, die heute weltweit dominieren. Effizienz und Dynamik dieses Wirtschaftssystems müssen steuerbar gemacht werden. Grundlegende Veränderungen sind dafür notwendig. Wir brauchen:

  • die konsequente Aufwertung der Rolle des Staates durch die Stärkung der Demokratie,
  • die Indienstnahme der Finanzmärkte: „Banking has to be boring again!“,
  • die Umstellung der Ökonomie in Richtung ökologischer Nachhaltigkeit,
  • die Schaffung umfassend inklusiver, nachhaltiger und demokratischer Arbeitswelten, um Teilhabe aller zu verwirklichen.

Kleine Schritte reichen nicht – wir brauchen eine klare Orientierung. Höhere Deiche allein retten uns nicht vor einem Tsunami. Der wissenschaftliche Beirat „Globale Umweltveränderungen“ hat zehn Maßnahmenbündel mit „großer strategischer Hebelwirkung“ entwickelt. Sie machen deutlich: Die „große Transformation“ ist nicht nur notwendig – sie ist vor allem auch machbar. 

Prof. Dr. Gerhard Wegner ist Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (SI der EKD) und Mitglied des Präsidiums des Diakonischen Werks der Ev.-Luth. Landeskirche Hannover.

Erschienen in: einblick 9/2012 vom 14.5.2012
Online seit: 11.5.2012


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