Deutscher Gewerkschaftsbund

20.01.2014

Hochschulen öffnen, Vielfalt fördern

Elke Hannack Foto

Elke Hannack, Stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB/Simone M. Neumann

Die Bundesregierung will den Hochschulpakt fortsetzen. Unter anderem soll beruflich Qualifizierten der Zugang zum Studium erleichtert werden. Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack erklärt, worauf es dabei ankommt.

Hochschulzugang. Unsere Arbeitswelt steht vor zentralen Herausforderungen: Die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter nimmt ab, gleichzeitig erfordern viele Arbeitsplätze immer höhere Qualifikationen. Derweil zementiert unser Bildungswesen soziale Auslese. Mehr als 1,4 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 29 Jahren haben keine abgeschlossene Ausbildung.

Auch in der Spitze leistet unser Bildungssystem zu wenig. Der Zugang zur Hochschule ist stark von der sozialen Herkunft geprägt. Die Türen zur Hochschule bleiben für beruflich Qualifizierte weitgehend verschlossen. Nur knapp zwei Prozent der Studierenden an den deutschen Hochschulen haben kein Abitur. Ein Blick in andere Länder zeigt, dass es anders geht. In England und Wales liegt die Quote der beruflich Qualifizierten an den Hochschulen bei 15 Prozent, in Schweden und Österreich immerhin noch bei sechs Prozent. Nicht nur die soziale Spaltung, auch die strikte Trennung zwischen akademischer und beruflicher Bildung ist ein Kennzeichen des deutschen Bildungssystems.


„Die Hochschulen müssen lernen, mit Vielfalt produktiv umzugehen.“


Eine vorsichtige Öffnung des Hochschulzugangs für Menschen mit Berufserfahrung versuchte die Kultusministerkonferenz im März 2009 in Stralsund. Dort haben die Bildungsminister den formalen Zugang zumindest etwas gelockert. So steht Meistern – zumindest nach der Gesetzeslage – jedes Studium offen. Jenseits des Meisters stoßen Menschen ohne Abitur jedoch noch immer auf ein föderales Flickwerk unterschiedlichster Zugangshürden – von mehrjähriger Berufserfahrung bis zur Aufnahmeprüfung.

Von echter Gleichbehandlung zwischen akademischer und beruflicher Bildung kann keine Rede sein. Wer es ernst meint mit der Durchlässigkeit im Bildungswesen, muss deshalb die Hochschulen weiter öffnen und Zugangshürden abschaffen. An den Hochschulen brauchen wir einen Kulturwandel. Sie müssen endlich lernen, mit Vielfalt produktiv umzugehen.

Ein Blick auf andere europäische Staaten zeigt, die deutschen Studienformate sind zu wenig flexibel. Das Modell eines ganztägigen Präsenzstudiums ist für Menschen, die bereits im Berufsleben stehen, nicht attraktiv. Vor allem der Ausbau von berufsbegleitenden Studiengängen ist überfällig. Dafür müssen verschiedene Lernarrangements bereit stehen, wie zum Beispiel E-Learning, Präsenzveranstaltungen sowie Seminare an Wochenenden und in den Abendstunden. Dies darf aber nicht auf Kosten der Beschäftigten an den Hochschulen gehen und ist nur mit zusätzlichem Personal zu leisten.

Hochschulen müssen strukturierte Vorbereitungskurse für beruflich Qualifizierte in Zusammenarbeit mit Schulen, Bildungsträgern und Betrieben anbieten. Die Kompetenzen von Berufs- und Studienberatung müssen gebündelt werden. Außerdem gilt es, die spezifische Betreuung während der Studieneingangsphase zu verbessern und auf die verschiedenen Bedürfnisse der Studierenden auszurichten.

Doch Hochschulen müssen die Studierenden wirklich aufnehmen können. Schon heute leiden sie unter chronischer Unterfinanzierung. Die doppelten Abiturjahrgänge und die Abschaffung von Wehr- und Zivildienst tragen dazu bei, dass Menschen ohne Abitur kaum im Fokus der Hochschulen stehen. Deshalb fordert der DGB, den Hochschulen einen finanziellen Anreiz zu geben, mehr beruflich Qualifizierte aufzunehmen. Im neuen Hochschulpakt müssen die Studienplätze für beruflich Qualifizierte mit einem zusätzlichen Bonus von 50 Prozent pro Platz gefördert werden.


„Die Hochschulen brauchen einen finanziellen Anreiz, um mehr beruflich Qualifizierte aufzunehmen.“


Es gibt Hoffnung – Bund und Länder wollen den Hochschulpakt zur Finanzierung von zusätzlichen Studienplätzen fortsetzen. Im reformierten Pakt soll auch der Zugang für beruflich Qualifizierte an Hochschulen verankert werden, heißt es im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung. Eine echte Öffnung des Hochschulzugangs für Menschen ohne Abitur ist also in greifbarer Nähe. Noch in diesem Januar beginnen die Gespräche von Bund und Ländern über diesen Pakt. Notwendig ist, einen echten Bonus für beruflich Qualifizierte zu verankern und nicht bei vagen Absichtserklärungen zu bleiben.

Es ist Zeit, zu handeln. Gab es bis zum Jahr 2005 in Deutschland rund 340 Hochschulen, stieg die Zahl seither rasant auf mehr als 400 Hochschulen. Die meisten Neugründungen sind kleine, private Hochschulen, die maßgeschneiderte Angebote für beruflich Qualifizierte – allerdings zum Teil gegen horrende Gebühren – anbieten. Die Nachfrage ist also da. Die öffentlichen Hochschulen dürfen diesen Trend aber nicht verpassen.

Erschienen in: einblick 1/2014 vom 20.1.2014


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