Deutscher Gewerkschaftsbund

17.02.2012

Wirtschaftsprognosen: Erstens kommt es anders…

Wie mit Wirtschaftsprognosen Politik gemacht wird, beschreibt der Wirtschaftsjournalist und Diplom-Volkswirt Michael Weisbrodt.

Am 7. April 2011 setzte der Rat der Europäischen Zentralbank im Frankfurter Eurotower ein Zeichen. Zuvor hatte er gründlich überlegt, welche Auswirkung eine Erhöhung des europäischen Leitzinses haben würde. Für die Erhöhung sprach: Die offenbar vorübergehend drohende Preissteigerung bei Rohstoffen und Nahrungsmitteln gab der Bank die Chance, sich endlich wieder handlungsfähig zu zeigen. Gegen die Erhöhung sprach die fatale Schulden- und Konjunkturlage Griechenlands, Italiens, Spaniens, Portugals und Irlands. Ihnen würde es nun noch weniger gelingen, das für die Schuldentilgung notwendige Wachstum zu erreichen. Am Ende der Diskussion erhöhte die EZB den Leitzins einstimmig um 25 Basispunkte.

Dass sich die EZB gegen die Interessen der Krisenländer und für die Politik der Stärke entschied, hatte einen Grund: Der Rat erwartete ernsthaft, die Geldanleger mit höheren Zinsen beeindrucken zu können und die Währungskrise einzudämmen, letztlich auch zugunsten der Krisenländer. Diese Vision ist gleichsam Teil der offiziellen gemeinsamen Weltanschauung. Die teilt die EZB mit vielen Politikern und Medienleuten. Es war noch kein Tag vergangen, da wusste die Frankfurter Allgemeine bereits Bescheid: „Die Märkte reagieren mit Optimismus auf die Entscheidung der EZB zur Zinserhöhung. … Der Höhepunkt der Krise in der Währungsunion könnte bald überstanden sein.“

Tatsächlich aber blieb die von FAZ und EZB vorausgesagte Beruhigung aus. Im Gegenteil: Unternehmen und Geldanleger erkannten schnell, dass die Krisenländer die höheren Zinsen und die gebremste Konjunktur nicht unbeschadet überstehen würden. Wer Staatsanleihen von Krisenländern besaß, ließ sie fallen wie heiße Kartoffeln. Wer kaufte, verlangte Zinsen in schwindelerregender Höhe, unbezahlbar für die Krisenländer.  Falls die Eurozone in absehbarer Zeit zerbrechen sollte, schrieb kürzlich der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugmann in der New York Times, könnte die Fehlprognose vom 7. April 2011 als eigentlicher Auslöser des Geschehens in die Geschichte eingehen.

Sicherlich kann in globalen Krisenzeiten niemand verlässliche Szenarien prognostizieren. Doch zurzeit sind mittelfristige Voraussagen obendrein von einem neuen wissenschaftlichen Glaubenskrieg belastet. In dessen Zentrum steht staatliche Sparpolitik („Austerität“) und die Geldpolitik der Zentralbanken. Die eine Denkrichtung hält weiter für gültig, dass die Konjunktur abflaut, wenn der Staat in der Krise spart. Eine neue Denk­richtung behauptet, dass staatliches Sparen in der Krise das Wachstum nachhaltig stärkt („expansive Austerität“). Teile der heutigen Regierungskoalition und möglicherweise eine Mehrzahl der deutschen WirtschaftswissenschaftlerInnen scheinen dieser Theorie anzuhängen. Ihr Problem: Die Theorie ist überwiegend weltanschaulich unterfüttert. Wirtschaftsprognosen sind kaum geeignet, sie empirisch zu be- oder zu widerlegen.

Mit dieser allgemeinen Verunsicherung hat es auch zu tun, dass die großen tatsächlich eintretenden Konjunktur-Ereignisse seit Jahren immer häufiger das Adjektiv „überraschend“ tragen. Es war „überraschend“, dass die Arbeitslosigkeit in der letzten Krise nicht stärker stieg, weil Betriebsräte Bündnisse mit der Geschäftsleitung schlossen. Es war „überraschend“, wie schnell sich Deutschland von der Krise erholte, weil viele Belegschaften nicht entlassen worden waren.

 „Konjunkturindex dreht überraschend ins Plus“, hieß es aber auch am Dienstag der zweiten Februar-Woche beim Mannheimer Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW. Zuvor zeigte sich das Münchner Ifo-Institut erstaunt, dass sich die Geschäftsaussichten „überraschend stark“ verbessert hatten. Daran, dass sich die Konjunktur ändert, ist eigentlich nichts überraschend. Es liegt mehr als 20 Jahre zurück, da fügte der Wirtschafts-Sachverständigenrat der Bundesregierung, die so genannten „fünf Weisen“, dem Prognoseteil in jedem seiner Gutachten deshalb eine Warnung bei. Das, was wir ankündigen, stand dort sinngemäß, sehen wir als die wahrscheinlichste aller Varianten an. Noch wahrscheinlicher aber ist, dass es anders kommt, als wir voraussagen.

Michael Weisbrodt, 65, war rund 20 Jahre Betriebsrat der Gruner+Jahr- Wirtschaftspresse (Capital, impulse, Börse online) und ist seit 1999 freier Journalist in Berlin.

Erschienen in: einblick 3/2012 vom 20.2.2012
Online seit: 17.2.2012



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