Das Bildungsniveau der Deutschen ist zwar gestiegen, doch immer noch gehören rund 20 Prozent der jungen Menschen zu den Bildungsverlierern.
„Von Chancengleichheit sind wir in Deutschland noch weit entfernt“, ist ein Kritikpunkt der stellvertretenden DGB-Vorsitzenden Ingrid Sehrbrock an der Bildungspolitik von Bund und Ländern. Im vierten Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2012“ stellt die wissenschaftliche Autorengruppe fest, dass noch immer fast 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler ohne Abschluss die Schule verlassen oder ihre Ausbildung abbrechen. Sie gehören nach den Kriterien des PISA-Tests zu den RisikoschülerInnen. Für den DGB wäre eine der entscheidenden Maßnahmen, das Angebot an Ganztagsschulen zu erhöhen. Derzeit bietet gut die Hälfte aller Schulen einen Ganztagsbetrieb. Die Teilnahme ist aber überwiegend freiwillig. Die AutorInnen betonen jedoch, „insbesondere bei der verbindlichen Form der Ganztagsschule kann sie mit ihren ergänzenden Angeboten zum Ausgleich sozialer Unterschiede beitragen“.
Junge Menschen nicht in die Warteschleife
Doch auch ein Schulabschluss garantiert noch keinen Ausbildungsvertrag. Von den rund 300000 Jugendlichen, die derzeit in den Warteschleifen hängen, haben nach dem Bildungsbericht fast 80 Prozent einen Schulabschluss, ein knappes Viertel sogar einen mittleren Abschluss. Für den DGB-Bildungsexperten Matthias Anbuhl heißt das, „diese jungen Menschen gehören nicht in Warteschleifen, sondern in eine vollqualifizierende Berufsausbildung“. Die Zahlen belegen die negative Entwicklung. Während in der Altersgruppe der 30- bis 35-Jährigen fast 18 Prozent keinen Berufsabschluss haben, liegt dieser Anteil bei den 60- bis 65-Jährigen um sechs Prozentpunkte niedriger.
Ein quantitativer Ausbau von verbindlichen Ganztagsangeboten wäre notwendig, heißt es im Bildungsbericht. Denn trotz eines größeren Angebots ist die Teilnahme überwiegend freiwillig. Mit einem verbindlichen Ganztagsunterricht würden gerade Kinder aus sozial schwachen Familien erreicht, stellen die WissenschaftlerInnen fest. Copyright: einblick
"Herkunftsbedingte Unterschiede"
Gute schulische Leistungen hängen aber auch von der frühkindlichen Bildung ab. Die Bildungs- und Betreuungsquote der Kinder unter drei Jahren lag 2011 bei 25 Prozent. Von den Kindern im Alter von drei bis fünf Jahren besuchen 94 Prozent eine entsprechende Einrichtung. Doch trotz der steigenden Zahlen – und dem ab 2013 geltenden Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz für die Ein- bis Zweijährigen – gibt es noch immer „herkunftsbedingte Unterschiede“, wie die Expertengruppe feststellt. Im Bildungsbericht wird angemahnt, „die Angebote so zu gestalten, dass sie alle Eltern ansprechen und keine gegenteiligen Anreize schaffen, die frühe Bildung nicht zu nutzen“. Sehr deutlich wenden sich die WissenschaftlerInnen gegen das Betreuungsgeld. Ingrid Sehrbrock hofft, dass nun auch die Regierungskoalition einsieht, „dass sie mit dem Betreuungsgeld im politischen Abseits steht“. Die Mittel müssten in den Ausbau der Betreuungsinfrastruktur und das benötigte Personal investiert werden.
Bonussystem festschreiben
Ein weiterer Punkt, der für den DGB noch immer unbefriedigend gelöst ist, bleibt die strikte Trennung zwischen beruflicher und akademischer Bildung. Der Anteil der StudienanfängerInnen mit dualer Ausbildung, aber ohne Abitur, lag im Jahr 2010 bei zwei Prozent. Auch die Autorengruppe des Bildungsberichts hält deshalb „die Neugestaltung der Schnittstelle Berufsausbildungs-/Hochschulsystem“ für „dringend geboten“. Nicht zuletzt ergebe sich dies aus der demografischen Entwicklung und den steigenden Wissensanforderungen in der Arbeit. Der DGB fordert, die berufsbegleitenden Studiengänge auszubauen. Als Anreiz für die Hochschulen, mehr Studienplätze für beruflich Qualifizierte anzubieten, könnte ein Bonussystem im Hochschulpakt festgeschrieben werden.
Finanzierung sichern
Bildung gibt es nicht kostenfrei. Zwar wurden die Etats in Bund und Ländern in den vergangenen Jahren kontinuierlich erhöht, doch die stolze Zahl von insgesamt 172,3 Milliarden Euro, die 2010 ausgegeben wurden, wird im Bildungsbericht relativiert. Die Summe sei letztlich durch das Zukunftsinvestitionsgesetz und andere Sonderprogramme erreicht worden. „Eine hinreichende Finanzierung des Bildungswesens muss auch über die Dauer der Sonderprogramme hinaus gesichert werden“, mahnen deshalb vorsorglich die WissenschaftlerInnen.
Erschienen in: einblick 13/2012 vom 9.7.2012
Online seit: 6.7.2012